Vom Rasen in die Hitparade: Die zwei Leben des Horst Nußbaum (Jack White)
Vom Rasen in die Hitparade: Die zwei Leben des Horst Nußbaum
Es gibt Geschichten im bundesdeutschen Pop-Kosmos, die so grell, so unwahrscheinlich und gleichzeitig so archetypisch sind, dass sie wirken wie das Drehbuch eines schillernden Siebziger-Jahre-Melodrams. Mitten in diesem Bild: ein Mann mit getönter Brille, perfekt geföhntem Haar und einem Gespür für Melodien, das Millionen von Wohnzimmern zum Schunkeln und später internationale Tanzflächen zum Kochen brachte. Bevor Jack White allerdings zum König der deutschen Schlagerindustrie und zum globalen Hit-Architekten avancierte, hieß er schlicht Horst Nußbaum – und trug Stollen statt Lackschuhe.
Grätschen unter Weisweiler
Geboren 1940 im Kölner Arbeitermilieu als Sohn eines Metzgers, schien der Lebensweg des jungen Nußbaum zunächst auf dem Rasen vorgezeichnet. In den Sechzigern, als der deutsche Fußball noch nach Liniment, nassem Leder und harter Asche roch, schnürte er die Stiefel für Viktoria Köln. An der Seitenlinie stand damals kein Geringerer als Trainer-Übervater Hennes Weisweiler. Nußbaum, ein drahtiger, bissiger Mittelfeldakteur mit Zug nach vorn, schreckte vor nichts zurück. Über Stationen beim FK Pirmasens und dem TSC Zweibrücken wagte er schließlich den Sprung ins Ausland: Mitte der 1960er-Jahre unterschrieb er bei der PSV Eindhoven in den Niederlanden – zu einer Zeit, als deutsche Kicker jenseits der Grenze noch ein echtes Politikum darstellten.
Doch so verlässlich Nußbaum den Ball über die Flügel trieb, seine eigentliche Obsession spielte sich im Kopf ab. Zwischen Abfahrt, Kabine und Trainingslager summte er Melodien. Er wollte mehr als nur 90 Minuten Samstagsroutine; er wollte das ganz große Rampenlicht. Als er schließlich in Berlin bei Tennis Borussia landete, vollzog sich die wundersame Metamorphose.
Das Imperium des Jack White
Horst Nußbaum strich den bürgerlichen Namen durch und erfand sich neu als Jack White. Ein eigener Versuch als beat-seliger Schlagersänger floppte grandios, doch am Mischpult entpuppte er sich als Naturtalent mit absolutem Killerinstinkt für Hooklines. White begriff Musik wie ein Vollblutfußballer: Disziplin, Timing und der unbedingte Wille zum Abschluss zählten mehr als intellektuelle Verklausulierungen.
In den Siebzigern flutete er die Hitparade. Er lieferte den Soundtrack zum westdeutschen Wirtschaftswunder-Spätsommer: Tony Marshalls „Schöne Maid“, Jürgen Marcus’ hymnische „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ oder die herzerweichenden Balladen von Andrea Jürgens. Und als wäre es die logische Klammer seiner beiden Leben, brachte er 1974 die Weltmeister-Elf um Franz Beckenbauer und Paul Breitner ins Studio, um die ultimative Hymne einzuspielen: „Fußball ist unser Leben“.
Globaler Pop und die ewige Lilie
Wer White damals als reinen Schlageronkel abtat, übersah seinen Ehrgeiz. In den 1980ern drückte er das Gaspedal bis zum Anschlag durch und eroberte den US-Markt. Er formte Laura Branigan zum Star, verpasste ihr Welthits wie „Gloria“ und „Self Control“, brachte Jermaine Jackson und Pia Zadora mit „When the Rain Begins to Fall“ an die Spitzen der Charts und produzierte jene unsterbliche Version von „Looking for Freedom“, auf der David Hasselhoff 1989 über die Berliner Mauer flog.
Trotz der Yachten, des Champagners und des transatlantischen Jetset-Glanzes vergaß er seine Wurzeln nie. In den Neunzigern kehrte er als Präsident zu Tennis Borussia Berlin zurück, pumpte Millionen in den Verein und etablierte die Frauen-Bundesligamannschaft.
Jack White war eine der letzten überlebensgroßen Figuren des Showgeschäfts – ein self-made Tycoon, der den Schweiß der Kölner Ascheplätze in reines Radio-Gold verwandelte.
Schwarz auf Weiß: Die Taufe am Reißbrett
Dass aus dem bodenständigen Kölner Kicker Horst Nußbaum eine Kunstfigur namens Jack White wurde, verdankt die Popgeschichte weder einer tiefschürfenden spirituellen Eingebung noch nächtelangem Brüten über Songtexten. Es war vielmehr das Produkt knallharter, fast schon zynischer Schlager-Ökonomie der späten Sechzigerjahre.
Als Nußbaum 1966 seine Fußballschuhe an den Nagel hängte, landete er beim Kölner Produzenten Hans Bertram. Bertram war damals eine der mächtigsten Strippenzieher-Figuren im bundesdeutschen Musikzirkus – ein Mann, der wusste, wie man gewöhnliche Jungs für das Teenager-Publikum zurechtfeilte. Schließlich hatte Bertram kurz zuvor schon aus einem schwäbischen Jungen namens Gerhard Höllerich den samtstimmigen Frauenschwarm Roy Black geformt.
Für den Ex-Fußballer stand fest: Ein Name wie „Horst Nußbaum“ roch zu sehr nach Nierentisch, Kreisklasse und Schlachtplatte – damit war in den Hitparaden kein Blumentopf zu gewinnen. Bertram fackelte nicht lange und dachte in schlichter Farbästhetik: Wenn man schon einen Roy Black im Stall hatte, brauchte es als komplementäres Pendant eben einen Jack White.
Die Legende besagt, dass der Künstler selbst über seine Umtaufe erst beiläufig im Büro informiert wurde. Eine Sekretärin soll ihm eröffnet haben: „Übrigens, Herr Nußbaum, wissen Sie schon, wie Sie jetzt heißen? Sie sind jetzt Jack White.“
Anfangs haderte Nußbaum mit dem Kunstnamen. Er hielt die englische Silbenkombination für viel zu sperrig für das deutsche Schlagerpublikum. Doch Widerspruch duldete das System Bertram nicht. Also trat Horst als Jack White vor das Mikrofon, veröffentlichte 1967 Schnulzen wie „Ein paar Tränen“ – und erlitt prompt Schiffbruch. Die Platten floppten, der Traum von der großen Gesangskarriere schien ausgeträumt.
Doch der Name blieb haften. Und als White schließlich die Seiten wechselte und hinter das Mischpult trat, erwies sich das Reißbrett-Pseudonym als visionärer Coup: Als Produzent in den Achtzigern nach Los Angeles ging, musste er sich für die amerikanische Musikindustrie nicht erst neu erfinden. In den Credits von Laura Branigan bis David Hasselhoff wirkte „Jack White“ wie der Name eines gebürtigen US-Moguls – während im Personalausweis bis zuletzt der Kölner Junge Horst Nußbaum stand.