Das erste Album von Queen
Es ist 1972 im verregneten Londoner Stadtteil Soho, vier Uhr morgens. Die meisten Musiker der Stadt liegen entweder mit einem Kater im Bett oder feiern in dubiosen Clubs. Vier junge Akademiker – ein Astrophysiker, ein Zahnmedizinstudent, ein Grafikdesigner und ein angehender Elektroingenieur – schleichen sich dagegen durch den Hintereingang der Trident Studios. David Bowie hat gerade seine Session beendet, das Tonbandgerät ist noch warm. Jetzt gehört das Studio für genau drei Stunden ihnen: Queen.
Lange bevor sie Stadien mit königlicher Geste regierten, war die Band um Freddie Mercury, Brian May, Roger Taylor und John Deacon vor allem eines: die geduldigste Notbesetzung der britischen Rockszene. Ohne Plattenvertrag, aber mit grenzenlosem Ego ausgestattet, nutzten sie jede Studiozeit, die niemand sonst haben wollte. Dieses sogenannte „Deathtime Recording“ zwischen zwei und sieben Uhr früh diktierte die Geburt ihres selbstbetitelten Debüts.
Geld für eigene Produzenten gab es nicht, also boten sich die Trident-Inhaber Norman und Barry Sheffield an, die vier Newcomer unter ihre Fittiche zu nehmen. An den Reglern saß Roy Thomas Baker, ein Mann, der später für bombastischen Schichtgesang berühmt werden sollte, zu diesem Zeitpunkt aber vor allem damit beschäftigt war, mit Brian May um Drum-Sounds zu feilschen. May wollte das rohe, wuchtige Scheppern von Led Zeppelin und den schneidenden Klang seiner selbstgebauten Red-Special-Gitarre. Das Studio verlangte nach dem damals üblichen, glattpolierten Popsound.
Hinter den Kulissen trieb Freddie Mercury das Quartett mit unerbittlicher Theatralik an. Tracks wie „Keep Yourself Alive“ und das epische „Liar“ zeigten bereits das gesamte Arsenal, das die Rockwelt bald spalten sollte: wahnwitzige Gitarrenharmonien, fast operettenhafte Vokal-Overdubs und eine Rhythmusgruppe, die wie eine Abrissbirne groovte. Auf den Hüllen druckten sie trotzig den legendären Vermerk ab: „And nobody played synthesiser“ – ein stolzes Statement handgemachter Kompromisslosigkeit.
Als die Platte im Juli 1973 endlich erschien – nach fast einem Jahr frustrierender Verzögerung auf der Suche nach einem willigen Label –, verkaufte sie sich zunächst nur zögerlich. Doch der Grundstein war gegossen: Vier ausgehungerte Musiker hatten aus der Friedhofsschicht der Trident Studios ein Monument gehämmert, das den Hardrock der Siebziger für immer verändern sollte.