Die Beatles im Star Club
Bevor die Beatlemania die Welt in eine kreischende Hysterie stürzte, bevor Brian Epstein sie in kragenlose Pierre-Cardin-Anzüge steckte und bevor die Ed-Sullivan-Show Popgeschichte schrieb, gab es ein stickiges Loch im Erdgeschoss der Großen Freiheit 39.
Der Hamburger Kiez im Frühjahr 1962: Neonreklamen flackerten durch den Nieselregen, Matrosen suchten handgreifliche Zerstreuung, Zuhälter kontrollierten die Straßenecken und die Luft roch nach billigem Schnaps, Urin und Bohnerwachs. Mittendrin: vier blasse Jungs aus Liverpool, die dachten, sie wüssten bereits, was harter Rock’n’Roll bedeutet. Sie lagen falsch.
Die Taufe im Hexenkessel
Als der Star-Club am Freitag, den 13. April 1962, seine Pforten öffnete, hatte Clubgründer Manfred Weißleder – ein geschäftstüchtiger Kiez-Gastronom mit Gespür für den Zeitgeist – ein Ziel: Er wollte den verstaubten Konkurrenten wie das Indra oder den Kaiserkeller den Rang ablaufen. Weißleder lockte mit 2.000 Sitzplätzen, moderner Lichttechnik und echter amerikanischer Star-Power.
Auf dem Plakat der Eröffnungsnacht standen Gene Vincent und The Bachelors – und darunter, in kleinerer Schrift, The Beatles. Für John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und ihren damaligen Drummer Pete Best war es bereits die dritte Reise nach Hamburg, doch der Star-Club spielte in einer völlig anderen Liga.
Weißleder duldete keine Schwäche. Sein Befehl an die Musiker brannte sich unauslöschlich in die Beatles-Mythologie ein: „Mach Schau!“ Wer auf der Bühne nur brav seine Takte zupfte, flog raus. Auf St. Pauli war das Publikum nicht am Feinsinn interessiert; Matrosen auf Landgang, Rocker und Halbwelt-Gestalten wollten niedergeschmettert werden.
Preludin, Pfefferminzlikör und 40-Stunden-Wochen
Das Pensum grenzte an moderne Sklaverei. Die Beatles teilten sich die Nächte oft mit anderen Bands wie Gerry and the Pacemakers, standen aber regelmäßig bis zu acht Stunden pro Nacht auf den Brettern. Unter der Woche spielten sie von 19:30 Uhr bis zwei Uhr morgens, an Wochenenden oft bis in den Morgengrauen.
Um diese physische Tortur zu überstehen, griffen die Fab Four zu pharmazeutischer Hilfe. Die Kellnerinnen versorgten die Musiker mit Preludin („Prellies“), einem rezeptpflichtigen Appetitzügler, der wie reines Speed durch die Adern schoss. Heruntergespült mit Bier oder Pfefferminzlikör, hielten die Pillen das Nervensystem über Tage auf Anschlag.
Schlaf gab es selten; geschlafen wurde tagsüber in engen, modrigen Verschlägen. Wer auf der Bühne einschlief, wurde von den Kollegen mit Tritten wachgehalten.
„Ich bin in Liverpool geboren, aber in Hamburg bin ich erwachsen geworden.“ — John Lennon
Die Dauerstimulation zersetzte jede bürgerliche Hemmung:
- Lennons Entgleisungen: John trieb das „Mach Schau“ auf die Spitze. Er trat mit Klodeckeln um den Hals auf, spielte Songs nur in Unterwäsche, urinierte im Rausch von der Feuerleiter und beschimpfte das Publikum in gebrochenem Deutsch als „verdammte Nazis“ – woraufhin das Hamburger Publikum vor Vergnügen tobte.
- Klangliche Gewalt: Um den ohrenbetäubenden Lärmpegel der 2.000 Gäste zu übertönen, mussten die Beatles ihre Instrumente bis zur Schmerzgrenze aufdrehen. Paul McCartneys Gesang verwandelte sich in das heisere, markerschütternde Brüllen eines Little Richard, Harrison feilte an blitzschnellen Rockabilly-Licks, und Lennons Rhythmusgitarre klang wie ein Maschinengewehr.
Die drei Star-Club-Kapitel des Jahres 1962
Die Monate im Star-Club markierten genau den Übergang vom rohen Kiez-Phänomen zum globalen Pop-Monolithen:
- 13. April – 31. Mai 1962: Die Eröffnungssaison. Nur wenige Tage vor der Ankunft war ihr Ex-Bassist und enger Freund Stuart Sutcliffe in Hamburg an einer Gehirnblutung gestorben. Die Band verarbeitete den Schock in purer, wütender Bühnenenergie.
- 1. – 14. November 1962: Die Rückkehr als Profis. Die Beatles waren verändert: Im August war Pete Best gefeuert worden; am Schlagzeug saß nun Ringo Starr. In Großbritannien war soeben ihre Debütsingle „Love Me Do“ erschienen. Sie trugen jetzt die ersten maßgeschneiderten Anzüge, blieben auf der Großen Freiheit aber die gewohnten Derwische.
- 18. – 31. Dezember 1962: Das Finale. Vierzehn Tage Knochenarbeit über Weihnachten und Silvester. Während sie auf der Bühne Chuck Berrys „I’m Talking About You“ oder das bittersüße „A Taste of Honey“ hämmerten, zeichnete Adrian Barber, der Soundmann der rivalisierenden Band Ted Taylor, die Auftritte heimlich auf einem Grundig-Tonbandgerät auf – die Geburt der berühmt-berüchtigten Bootlegs.
Als die Beatles in den frühen Morgenstunden des 1. Januar 1963 ihre Koffer packten und St. Pauli für immer hinter sich ließen, waren sie nicht mehr dieselbe Band, die zwei Jahre zuvor nach Deutschland gereist war. Der Star-Club hatte ihnen die Eitelkeit ausgetrieben, ihr Rhythmusgefühl unzerstörbar geschweißt und ihnen beigebracht, jeden noch so feindseligen Raum im Handstreich zu erobern. Wenige Monate später brannte die Beatlemania.