Olivia Rodrigo: You seem pretty sad for a Girl so in Love
Olivia Rodrigo bricht mit dem Teenie-Zorn – und findet im Liebesglück ihre dunkelsten Abgründe
Als Olivia Rodrigo mit SOUR das Schlafzimmerfenster einschlug und auf GUTS den Schutt mit rotzigem Riot-Grrrl-Spott durchpflügte, wusste jeder genau, wer der Bösewicht war: der Ex, die andere Frau, das toxische Los Angeles, das Erwachsenwerden an sich. Mit ihrem dritten Album You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love stellt die mittlerweile 23-Jährige nun die weitaus unbequemere Frage: Was zur Hölle fange ich an, wenn ich tatsächlich glücklich bin?
Die Antwort ist ein faszinierend zerrissenes, melodramatisches Meisterwerk des modernen Gitarrenpop. Rodrigo und ihr bewährter Studiopartner Dan Nigro haben den jugendlichen Vorstadt-Punk nicht etwa abgelegt, sondern in eine klangliche Breitwand-Eleganz überführt. Zweigeteilt in die Pole „Girl So In Love“ und „You Seem Pretty Sad“ seziert die Platte die Paranoia, die eintritt, wenn das Drama plötzlich fehlt. Die rosarote Brille dient hier nicht als Weichzeichner, sondern als Brennglas für Verlustängste.
Bereits der Opener und Vorbote „Drop Dead“ schlägt mit knurrenden Bassläufen und einem Refrain auf, der irgendwo zwischen Hole zur Celebrity Skin-Ära und den besten Hooks von Alanis Morissette explodiert. Rodrigo singt über Schmetterlinge im Bauch, als handle es sich um eine invasive Parasitenart. Auf „The Cure“ wechselt die Szenerie: Statt 90er-Skate-Punk regiert schimmernder Post-Punk. Wenn dann tatsächlich Robert Smith von The Cure mit seinem unverkennbaren, wehmütigen Jammern einsteigt, wirkt das keineswegs wie eine bemühte Legenden-Validierung, sondern wie die logische Konsequenz – der Goth-Pate und die Gen-Z-Dramaqueen teilen denselben Herzschmerz-Bauplan.
Was Rodrigo im Pop-Zirkus so unersetzlich macht, ist ihr Gespür für messerscharfe Lyrik abseits generischer Empowerment-Floskeln. „Stupid Song“ ist ein bissiger, fast selbstironischer Track über die Peinlichkeit, kitschige Liebesballaden zu schreiben, während „Cigarette Smoke“ in über fünf Minuten cineastischer Indie-Rock-Dynamik beweist, wie weit ihre stimmliche und dramaturgische Spannweite inzwischen reicht. Sie verhandelt Introspektion nicht als Lifestyle-Geste, sondern als klaustrophobischen Zustand: Die Angst, das eigene Glück mutwillig zu sabotieren, zieht sich wie ein roter Faden durch jede Strophe.
You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love ist das Werk einer Songwriterin, die sich weigert, das Klischee des „gereiften dritten Albums“ als Schlaftablette zu verkaufen. Stattdessen liefert Olivia Rodrigo den Soundtrack für den Kater am Morgen nach dem Happy End – laut, verletzlich und brillant unruhig.