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Vom Rasen in die Hitparade: Die zwei Leben des Horst Nußbaum (Jack White)

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Vom Rasen in die Hitparade: Die zwei Leben des Horst Nußbaum Es gibt Geschichten im bundesdeutschen Pop-Kosmos, die so grell, so unwahrscheinlich und gleichzeitig so archetypisch sind, dass sie wirken wie das Drehbuch eines schillernden Siebziger-Jahre-Melodrams. Mitten in diesem Bild: ein Mann mit getönter Brille, perfekt geföhntem Haar und einem Gespür für Melodien, das Millionen von Wohnzimmern zum Schunkeln und später internationale Tanzflächen zum Kochen brachte. Bevor Jack White allerdings zum König der deutschen Schlagerindustrie und zum globalen Hit-Architekten avancierte, hieß er schlicht Horst Nußbaum – und trug Stollen statt Lackschuhe. Grätschen unter Weisweiler Geboren 1940 im Kölner Arbeitermilieu als Sohn eines Metzgers, schien der Lebensweg des jungen Nußbaum zunächst auf dem Rasen vorgezeichnet. In den Sechzigern, als der deutsche Fußball noch nach Liniment, nassem Leder und harter Asche roch, schnürte er die Stiefel für Viktoria Köln. An der Seitenlinie stand damals k...

Linkin Park – Unshatter

Es gibt Narben, die eine Band für immer definieren – und es gibt Alben, die den Versuch wagen, diese Narben nicht zu übermalen, sondern freizulegen. Sieben Jahre nach dem verheerenden Verlust von Chester Bennington und dem vorsichtigen, fast tastenden Neustart mit Emily Armstrong (From Zero) stehen Linkin Park mit Unshatter an einem Punkt, an dem die Schonfrist endgültig vorbei ist. Die Frage lautet nicht mehr, ob sie weitermachen dürfen, sondern wer sie eigentlich sein wollen. Die Antwort fällt wuchtig, ungeschliffen und stellenweise erstaunlich radikal aus. Schon der eröffnende Titeltrack wischt jede Nostalgie-Verklärung mit einem Tritt in den Verstärker beiseite: Ein nervöses Industrial-Riff von Brad Delson kollidiert mit Mike Shinodas trockenem Stakkato-Rap, bevor Armstrong mit einer Urgewalt dazwischenfährt, die jeden Zweifel an ihrer Präsenz im Keim erstickt. Wo das Vorgängerwerk stellenweise wie eine respektvolle Annäherung an die eigene Diskografie wirkte, klingt Unshatter hung...

Olivia Rodrigo: You seem pretty sad for a Girl so in Love

Olivia Rodrigo bricht mit dem Teenie-Zorn – und findet im Liebesglück ihre dunkelsten Abgründe Als Olivia Rodrigo mit SOUR das Schlafzimmerfenster einschlug und auf GUTS den Schutt mit rotzigem Riot-Grrrl-Spott durchpflügte, wusste jeder genau, wer der Bösewicht war: der Ex, die andere Frau, das toxische Los Angeles, das Erwachsenwerden an sich. Mit ihrem dritten Album You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love stellt die mittlerweile 23-Jährige nun die weitaus unbequemere Frage: Was zur Hölle fange ich an, wenn ich tatsächlich glücklich bin? Die Antwort ist ein faszinierend zerrissenes, melodramatisches Meisterwerk des modernen Gitarrenpop. Rodrigo und ihr bewährter Studiopartner Dan Nigro haben den jugendlichen Vorstadt-Punk nicht etwa abgelegt, sondern in eine klangliche Breitwand-Eleganz überführt. Zweigeteilt in die Pole „Girl So In Love“ und „You Seem Pretty Sad“ seziert die Platte die Paranoia, die eintritt, wenn das Drama plötzlich fehlt. Die rosarote Brille dient hier nicht als...

Das Album "Airbourne"

Es gibt Platten, die wollen die Welt nicht neu erfinden, sondern ihr lediglich mit beiden Stiefeln voraus ins Gesicht springen. Wenn eine junge Truppe aus der australischen Provinz antritt, um den Geist von Bon Scott, kochendem Pub-Schweiß und Marshall-Boxen auf Anschlag zu beschwören, liegt der Vorwurf des Epigonentums naturgemäß nahe. Doch wer Airbourne – und insbesondere ihr furioses Debütwerk Runnin’ Wild (das für viele schlicht als das definitive Airbourne-Statement schlechthin gilt) – als bloße AC/DC-Kopie abtut, verkennt die pure, unverfälschte Dringlichkeit dieser Band. Gegründet wurde die Band 2003 im verschlafenen Küstenort Warrnambool im australischen Bundesstaat Victoria von den Brüdern Joel (Gesang, Leadgitarre) und Ryan O’Keeffe (Schlagzeug). Das Fundament ist die klassische Rock’n’Roll-Mythologie: Aufgewachsen mit den Platten von Rose Tattoo, The Angels, Motörhead und natürlich den Young-Brüdern, probte die Band jahrelang in einer Garage, bis die Nachbarn die Polizei rie...

Der Soundtrack der Nachwendezeit

Der Beton war noch klamm vom jahrzehntelangen Frost des Kalten Krieges, als der Bass einsetzte. Nicht leise, nicht tastend, sondern wie ein seismischer Ruck durch den märkischen Sand. Wer in den Siebzigern und Achtzigern zwischen Aachen und Frankfurt an der Oder groß geworden war, hatte seine Kindheit unter einem unsichtbaren nuklearen Baldachin verbracht. In der Schule wurden Verhaltenstipps für den Ernstfall besprochen, an Küchentischen stritt man über den NATO-Doppelbeschluss, und die permanente Bedrohung durch Pershing II und SS-20 war der weiße Lärm im Hintergrund jeder Jugendbiografie. Ein Satz hatte sich tief in die kollektive DNA dieser Generation eingebrannt: Es war nie die Frage, ob die Bombe fällt – sondern nur, wann. Das Leben war eine Generalprobe für den Tag X. Wer davon überzeugt ist, dass die Zukunft ein Kraterfeld wird, entwickelt ein anderes Verhältnis zur Zeit. Und dann geschah das Unerhörte, das in keinem Drehbuch stand: Die Welt ging nicht unter. Am 9. November 198...

John Corabi & Mötley Crüe

Es gibt eine alternative Realität, in der Mötley Crüe nicht als Witzfiguren ihrer eigenen Boulevard-Exzesse in die Rockgeschichte eingingen, sondern als echte Musiker. Sie dauerte exakt ein Album lang, trug das Jahr 1994 als Brandmarke und trug einen Namen, der bis heute bei vielen Die-Hard-Fans für Schnappatmung sorgt: John Corabi. Rückblende: Anfang der Neunziger lag der Sunset Strip in Trümmern. Nirvana, Alice in Chains und Soundgarden hatten das tonnenschwere Haarspray-Arsenal der Eighties über Nacht in peinlichen Sondermüll verwandelt. Mötley Crüe – einst die unbestrittenen Könige des Hedonismus – standen plötzlich ohne ihren Front-Blondling Vince Neil da. Neil war geflogen (oder gegangen, je nachdem, wem man glaubt), und Nikki Sixx und Tommy Lee taten das einzig Vernünftige, was sie in ihrer gesamten Karriere je tun sollten: Sie suchten sich keinen Klon, sondern einen echten Sänger. Mit John Corabi, zuvor bei The Scream, stieß ein raubeiniger Typ mit Philadelphia-Straßenschliff u...

Die Beatles im Star Club

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Bevor die Beatlemania die Welt in eine kreischende Hysterie stürzte, bevor Brian Epstein sie in kragenlose Pierre-Cardin-Anzüge steckte und bevor die Ed-Sullivan-Show Popgeschichte schrieb, gab es ein stickiges Loch im Erdgeschoss der Großen Freiheit 39. Der Hamburger Kiez im Frühjahr 1962: Neonreklamen flackerten durch den Nieselregen, Matrosen suchten handgreifliche Zerstreuung, Zuhälter kontrollierten die Straßenecken und die Luft roch nach billigem Schnaps, Urin und Bohnerwachs. Mittendrin: vier blasse Jungs aus Liverpool, die dachten, sie wüssten bereits, was harter Rock’n’Roll bedeutet. Sie lagen falsch. Die Taufe im Hexenkessel Als der Star-Club am Freitag, den 13. April 1962, seine Pforten öffnete, hatte Clubgründer Manfred Weißleder – ein geschäftstüchtiger Kiez-Gastronom mit Gespür für den Zeitgeist – ein Ziel: Er wollte den verstaubten Konkurrenten wie das Indra oder den Kaiserkeller den Rang ablaufen. Weißleder lockte mit 2.000 Sitzplätzen, moderner Lichttechnik und echter ...