Das Album "Airbourne"

Es gibt Platten, die wollen die Welt nicht neu erfinden, sondern ihr lediglich mit beiden Stiefeln voraus ins Gesicht springen. Wenn eine junge Truppe aus der australischen Provinz antritt, um den Geist von Bon Scott, kochendem Pub-Schweiß und Marshall-Boxen auf Anschlag zu beschwören, liegt der Vorwurf des Epigonentums naturgemäß nahe. Doch wer Airbourne – und insbesondere ihr furioses Debütwerk Runnin’ Wild (das für viele schlicht als das definitive Airbourne-Statement schlechthin gilt) – als bloße AC/DC-Kopie abtut, verkennt die pure, unverfälschte Dringlichkeit dieser Band.



Gegründet wurde die Band 2003 im verschlafenen Küstenort Warrnambool im australischen Bundesstaat Victoria von den Brüdern Joel (Gesang, Leadgitarre) und Ryan O’Keeffe (Schlagzeug). Das Fundament ist die klassische Rock’n’Roll-Mythologie: Aufgewachsen mit den Platten von Rose Tattoo, The Angels, Motörhead und natürlich den Young-Brüdern, probte die Band jahrelang in einer Garage, bis die Nachbarn die Polizei riefen, bevor sie nach Melbourne zogen und sich in den klebrigen Pubs der Stadt die Finger wund spielten. Joel O’Keeffe erarbeitete sich dort rasch den Ruf eines Berserkers, der für ein Solo gerne mal ungesichert an Bühnentraversen emporklettert oder sich Bierdosen an der Stirn aufschlägt.


Genau diese ungefilterte Live-Energie atmet ihr Sound:


-Treibende Rhythmusarbeit: Ryan O’Keeffes Schlagzeugspiel verzichtet konsequent auf vertrackte Breaks; hier regiert der gnadenlose Viervierteltakt, der direkt in die Beinmuskulatur fährt.


-Riff-Purismus: Trockene, bis aufs Mark reduzierte Rhythmusgitarren treffen auf schneidende Pentatonik-Soli, die keine Gefangenen nehmen.


-Hymnische Hooks: Songs wie „Stand Up for Rock ’n’ Roll“, „Too Much, Too Young, Too Fast“ oder der Titelsong leben von simplen, überlebensgroßen Mitgröl-Refrains, die für festivalerprobte Bierbecher-Chöre maßgeschneidert sind.


Man kann dieser Musik Vorhersehbarkeit vorwerfen, doch das hieße, den Sinn einer eiskalten Dose Lagerbier an einem Sommertag zu hinterfragen. Airbourne liefern keine intellektuellen Dekonstruktionen, sondern ein hochoktaniges Destillat aus Testosteron, Benzin und Rock-Nostalgie. Wo andere Bands im Zwang zur Weiterentwicklung verkrampfen, zelebrieren die Australier den Riff-Rock in seiner ehrlichsten, ungehobelten Urform – und genau das macht diese Platte zu einem mitreißenden Triumph.


„Stand Up for Rock ’n’ Roll“

Der Opener fungiert nicht als Einleitung, sondern als Tritt durch die geschlossene Saloontür. Ein peitschender Uptempo-Beat von Ryan O’Keeffe und ein staubtrockenes Riffing bilden das Fundament für Joel O’Keeffes heiser gekeifte Kriegserklärung. Der Song setzt auf das bewährte Call-and-Response-Prinzip der Pub-Rock-Schule: Simpel gehaltene Strophen eskalieren in einen stadiontauglichen Chor, der gar nicht erst den Versuch unternimmt, subtil zu sein. Es ist die programmatische Blaupause für alles, was das Album ausmacht.


„Runnin’ Wild“

Der Titeltrack demonstriert die Kunst des dynamischen Riff-Aufbaus. Getragen von einem rollenden Achtel-Puls auf der Bass-Saite, baut die Band stetig Druck auf, bevor die Rhythmusgitarren im Refrain mit voller Wucht aufschlagen. Joel O’Keeffes Solo bricht aus der reinen Moll-Pentatonik kaum aus, besticht aber durch ein bestechendes Gespür für Phrasierung und Attacke. Ein Song, der rhythmisch wie ein außer Kontrolle geratener Güterzug nach vorne schiebt.


„Too Much, Too Young, Too Fast“

Die poppigste Nummer der Platte und der logische Hitkandidat. Das Arrangement orientiert sich hörbar an späten 70er-Jahre-Klassikern à la „Highway to Hell“, schraubt das Tempo leicht zurück und lässt dem Groove mehr Luft zum Atmen. Die Strophen leben von einem federnden Funkeln der Rhythmusgitarre, während der Refrain auf maximale Eingängigkeit gebürstet ist. Das zweistimmig angelegte Lick nach dem Chorus setzt einen melodischen Akzent, der sich sofort im Gehörgang festbeißt.


„Diamond in the Rough“

Hier wechselt die Band in einen stampfenden Midtempo-Groove mit deutlicher Blues-Kante. Das Hauptriff atmet den Geist von Bands wie Bad Company oder frühen Def Leppard, bleibt dabei aber ungeschliffen und druckvoll. Bemerkenswert ist hier vor allem die Dynamik im Arrangement: Die Band nimmt in der Bridge das Gas komplett raus, lässt nur Bass und Hi-Hat stehen, um das abschließende Solo mit doppeltem Punch über die Rampe zu schieben.


„Cheap Wine & Cheaper Women“

Ein dreckiger Kneipen-Boogie, der textlich wie musikalisch tief im Erbe von Rose Tattoo und Motörhead wurzelt. Der Shuffle-Drive treibt die Nummer unerbittlich an, während Joel O’Keeffes Phrasierung an die schnoddrige Dringlichkeit von Bon Scott erinnert. Die Leadgitarre schneidet mit messerscharfem Attack durch den Mix – keine Studio-Tricks, kein Hall-Overkill, sondern rohe Verstärker-Sättigung auf Kante genäht.


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