John Corabi & Mötley Crüe
Es gibt eine alternative Realität, in der Mötley Crüe nicht als Witzfiguren ihrer eigenen Boulevard-Exzesse in die Rockgeschichte eingingen, sondern als echte Musiker. Sie dauerte exakt ein Album lang, trug das Jahr 1994 als Brandmarke und trug einen Namen, der bis heute bei vielen Die-Hard-Fans für Schnappatmung sorgt: John Corabi.
Rückblende: Anfang der Neunziger lag der Sunset Strip in Trümmern. Nirvana, Alice in Chains und Soundgarden hatten das tonnenschwere Haarspray-Arsenal der Eighties über Nacht in peinlichen Sondermüll verwandelt. Mötley Crüe – einst die unbestrittenen Könige des Hedonismus – standen plötzlich ohne ihren Front-Blondling Vince Neil da. Neil war geflogen (oder gegangen, je nachdem, wem man glaubt), und Nikki Sixx und Tommy Lee taten das einzig Vernünftige, was sie in ihrer gesamten Karriere je tun sollten: Sie suchten sich keinen Klon, sondern einen echten Sänger.
Mit John Corabi, zuvor bei The Scream, stieß ein raubeiniger Typ mit Philadelphia-Straßenschliff und einer Reibeisenstimme zur Band, der vor allem eines mitbrachte: Musikalität. Corabi konnte nicht nur singen wie ein von Dämonen getriebener Bluesrocker, er spielte auch verdammt gut Rhythmusgitarre.
Was folgte, war das selbstbetitelte Album von 1994 – und bis heute das musikalisch tighteste, rifforientierteste und brutal ehrlichste Werk, das jemals unter dem Banner Mötley Crüe veröffentlicht wurde. Produziert von Bob Rock, klang die Band plötzlich nach schwerem Geschütz. Mick Mars, sonst oft auf bloße Glam-Fills reduziert, entfesselte auf Songs wie „Power to the Music“ oder „Smoke the Sky“ eine brachiale Wall of Sound, unterstützt durch Corabis zweite Gitarre. Statt alberner Groupie-Fantasien gab es introspektive Abgründe („Misunderstood“), komplexe Dynamiken und eine Rhythmussektion, die tatsächlich groovte, anstatt nur Posen zu schlagen. Es war das Album einer gereiften Band, die um ihr künstlerisches Überleben kämpfte.
Das Problem? Niemand wollte ein reifes Mötley-Crüe-Album.
Die Plattenbosse von Elektra blickten auf halbleere Hallen und fallende Verkaufszahlen, während die treuen Fans der Band schlicht ihr altes Comic-Strip-Theater vermissten. Mötley Crüe waren nie Rush oder Soundgarden gewesen. Die Leute wollten keine ernsten Typen in Flannellhemden, die über existenzielle Krisen sangen – sie wollten Lippenstift, explodierende Drumriser, Stripclub-Hymnen und den schrillen, nasalen Kreischgesang von Vince Neil.
Als das Label 1997 schließlich die Pistole auf die Brust setzte und die Wiedervereinigung mit Neil für das (künstlerisch weitgehend zahnlose) Album Generation Swine erzwang, war das Schicksal von Corabi besiegelt. Er war das ungeliebte Stiefkind einer Ära, die nicht sein durfte.
Und hand aufs Herz: So unterschätzt die Corabi-Phase in ihrer musikalischen Wucht bis heute bleibt – man konnte am Ende doch aufatmen, als der verlorene Sohn Vince Neil wieder am Mikrofon stand.
Denn Rock’n’Roll gehorcht selten der Logik audiophiler Perfektion. Mötley Crüe mit Vince Neil ist wie eine wackelige Achterbahn ohne TÜV-Plakette: Man weiß nie, ob die Töne sitzen oder die Puste reicht, aber genau dieses trashige, unberechenbare Vaudeville-Element ist die wahre DNA dieser Band. Mit Corabi waren Mötley Crüe eine verdammt gute Hardrock-Band. Mit Vince Neil waren sie wieder Mötley Crüe.