Die Beatles in Hamburg
Als der klapprige Austin-Van im August 1960 über das Kopfsteinpflaster von St. Pauli holperte, waren sie noch fünf linkische Vorstadtjungs aus Liverpool, die kaum drei Akkorde unfallfrei hintereinander brachten. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Pete Best rochen nach feuchter Wolle, billigem Tabak und maßloser Naivität. Was sie auf der Reeperbahn suchten, war ein Gig. Was sie bekamen, war ein Hochofen, der sie zusammenschweißte – oder verbrannte.
Hamburgs Rotlichtviertel war damals kein nostalgisches Freiluftmuseum, sondern ein raues Pflaster aus verruchten Seemannskneipen, Gangstern, Prostituierten und US-GIs auf Heimaturlaub. Clubbesitzer Bruno Koschmider scherte sich nicht um Pop-Sensibilitäten; er verlangte Ausdauer. Im Indra Club und später im muffigen Keller des Kaiserkeller lautete das unerbittliche Tageskommando schlicht: „Mach Schau!“
Und sie machten Schau. Vier, sechs, manchmal acht Stunden pro Nacht, sieben Tage die Woche. Um das mörderische Pensum zu überleben, spülten sie Preludin – die Aufputschpillen, die ihnen die Kellnerinnen zusteckten – mit lauwarmem Bier herunter. Sie sprangen auf Tische, zerschlugen Gitarrenkabel, brüllten Little-Richard-Falsette in billige Mikrofone und schwitzten durch ihre speckigen Lederjacken. Sie schliefen hinter der Kinoleinwand des Bambi-Kinos direkt neben stinkenden Latrinen. Es war elend, brutal und die beste Musikschule der Welt.
In diesem Morast traf britisches Rohmaterial auf Hamburger Bohème. Klaus Voormann und Astrid Kirchherr, stylische Kunststudenten im Existenzialisten-Look, entdeckten die Band und verlieben sich in ihren ungeschliffenen Lärm. Kirchherr schnitt ihnen die Pomaden-Tollen ab, verpasste ihnen die ikonischen Pilzköpfe und fing ihre melancholisch-hungrigen Gesichter auf Schwarz-Weiß-Film ein. Stuart Sutcliffe verlor sein Herz an Astrid und seinen Bass an Paul.
Als die Beatles 1962 schließlich den legendären Star-Club an der Großen Freiheit eroberten – inzwischen mit Ringo Starr an den Drums und ohne den tragisch jung verstorbenen Sutcliffe –, waren sie keine Amateure mehr. Sie waren eine tighte, unbarmherzige Rock’n’Roll-Maschine, gestählt von tausenden Stunden Live-Dreck.
Oder wie John Lennon es Jahre später trocken auf den Punkt brachte: „Ich bin in Liverpool aufgewachsen. Aber erwachsen geworden bin ich in Hamburg.“